Auflage, Jr. 1997 (blau)
Auflage, Jr. 1998 dt/engl/frz
Nachruf auf Ivan Stanev im Dezember 2023
Fotos: Maria Zinfert
2. Reihe von links: Peter Sühring (Buchhändler 1997/98), HF, BB
3. Reihe Mitte: Heidi Paris, Merve Verlag
4. Reihe: Meret Becker
Thomas Brasch - Die Liebe und ihr Gegenteil oder Mädchenmörder Brunke
Zu der Editionsplanung siehe Hartmut Fischer in text-kritik-thomas-brasch
"Wie ein Sofa mit einer Guillotine Bücher macht"
Verlag Juliettes Literatursalon zu Gast in der LiteraturWerkstatt Pankow 6.2.2001
Maria Zinfert (Moderation), Blixa Bargeld, Ivan Stanev, Thomas Brasch, Hartmut Fischer
(Videomitschnitt, beetz-brothers-filmproduction)
Link zu der LeseFuge im Jüdischen Museum
Die Kunst der Fuge
Thomas Braschs unveröffentlichtes Brunke-Material als Leseinstallation im Jüdischen Museum Berlin
erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 30. August 2005, von Thomas Wild
Auf das Drängen der Zeit antwortete er mit der Kunst der Fuge. Fast zehn Jahre lang hatte er nach dem Mauerfall geschwiegen. Thomas Brasch, der 1976 die DDR verlassen und mit Stücken wie "Rotter" (1977), Filmen wie "Engel aus Eisen" (1981) oder Prosabüchern wie "Vor den Vätern sterben die Söhne" (1976) die literarische Szene der Bundesrepublik im Sturm erobert hatte. Ein Autor, für den das Politische nie in politischen Reden bestand, sondern in einer Kunst, die in der Strenge ihr anarchisches Potential freilegt. Im Westen bot man ihm die bequeme Rolle des Dissidenten an. Er lehnte ab und blieb unbequem. Auch als es Ost und West über Nacht nicht mehr gab und nun jeder von ihm, "der größten Begabung seiner Generation", wie Heiner Müller einmal sibyllinisch urteilte, ein passendes Wort zum neuen Deutschland erwartete.
Die Gegenwart lag für Brasch, der im November 2001 verstorben ist und dieses Jahr seinen 60. Geburtstag gefeiert hätte, nicht in der Nähe des Aktuellen, er suchte sie im Weiten des Vergangenen. Eine Zeitungsnotiz brachte ihn auf den Fall des Mädchenmörders Karl Brunke aus dem Jahr 1905. Eine fixe Idee, die er programmatisch wuchern ließ. Mehrere tausend Seiten Prosa über "Die Liebe und ihr Gegenteil" entstanden, ein gigantisches Erzählwerk, aus dem knapp hundert schmale, kristalline Seiten 1999 bei Suhrkamp erschienen. Seither ranken sich Mythen um den großen poetischen Entwurf, in dem Braschs Fluchthelfer aus der literarischen Wendegeschwätzigkeit als hautloses, blankes Wesen in den Schädelkammern des Erzählers wohnt und im Rhythmus der Bachschen Fuge vielstimmig den Ton angibt.
Als "LeseFuge" wurden am vergangenen Wochenende Teile des unpublizierten Materials in Berlin präsentiert. Hartmut Fischer von "Juliettes Literatursalon", der mit Brasch befreundet war und seit einem Jahr an wechselnden Orten aus dem Brunke-Konvolut vorliest, verwandelte gemeinsam mit den Philosophen Andreas Hofbauer und Daniel Tyradellis den Konzertsaal des Jüdischen Museums gleichsam in das Schädelinnere der Textstimme. Sieben Schauspieler blickten und sprachen, projeziert mit Videobeamern, von den Wänden des Raumes: Angela Winkler las gemäß des Fugen-Prinzips als 'Dux' die Grundgeschichte, begleitetet von Varianten und poetologischen Kommentaren der 'Comes' Blixa Bargeld, Braschs Schwester Marion, Herbert Fritsch, Lars Rudolph, Otto Sander und Anna Thalbach.
Eine leibhaftige Lesung von fünf der sieben Glorreichen hörten rund zweihundert Besucher. Während der "Langen Nacht der Museen" konnte man die Installation am Samstag noch einmal sehen. Gegenwärtig war nun vor allem die Sprache Thomas Braschs, unerbittlich und klar, dunkel und schön, spielerisch und verzweifelnd. Was Brasch mit "Brunke" verfolgte, verdeutlichte der Raum mit den Libeskindschen Schrägen, Verschachtelungen und leeren Ecken auf besondere Weise: die Geschichte des 1989 zu Ende gegangenen Jahrhunderts zu erzählen. Etwas, wofür wir wahrscheinlich noch immer keine Worte haben. So beschreibt das Brunke-Material auch ein Scheitern. "Die Geschichte des B. ist vielleicht keine Geschichte, die erzählt werden muss", heißt es einmal, "aber eine offene Tür, in die man den Fuß stellen kann und hinter der sich die eigene Geschichte verbirgt."
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Seinem letzten Projekt widmete er bis zu seinem Tod 2001 ein ganzes Lebensjahrzehnt. Thomas Brasch, der als Erzähler („Vor den Vätern sterben die Söhne“, Filmemacher („Engel aus Eisen“), Lyriker („Der schöne 27.September“)
Von Thomas Wild, 24.04.2004, Tagesspiegel
Seinem letzten Projekt widmete er bis zu seinem Tod 2001 ein ganzes Lebensjahrzehnt. Thomas Brasch, der als Erzähler („Vor den Vätern sterben die Söhne“, Filmemacher („Engel aus Eisen“), Lyriker („Der schöne 27. September“), Theaterautor und Übersetzer bekannt geworden ist, stieß Ende der Achtzigerjahre auf den historischen Fall des zweifachen Mädchenmörders Karl Brunke. Die Geschichte ließ ihn nicht mehr los. Eine knapp 100-seitige Fassung des „Mädchenmörder Brunke“ erschien 1999 im Suhrkamp Verlag. Tausende Seiten blieben unveröffentlicht und wanderten in die Berliner Stiftung Archiv der Akademie der Künste, die Braschs Nachlass betreut.
Dass dieser Schatz nun gehoben wird, ist eine kleine Sensation. In monatlichen Fortsetzungen wollen Schauspieler, Künstler, Wissenschaftler und Freunde Thomas Braschs das gesamte unpublizierte Material öffentlich vorlesen. Erwartet werden dabei ähnlich prominente Akteure wie bei der „Lesetextmaschine Marquis de Sade“, für die Hartmut Fischer, Veranstalter der Reihe, in den letzten fünf Jahren schon Angela Winkler, Katharina Thalbach, Lars Rudolph oder Meret Becker gewonnen hatte. Flankiert werden die Lesungen von Vorträgen, die zentrale Themen des Brunke-Stoffs erschließen sollen: etwa die Kabbala, die Fuge oder die Junggesellenmaschine.
Der 37-jährige Autor, Performer und Buchhändler von „Juliettes Literatursalon“ Hartmut Fischer war mit Brasch seit Ende der Neunzigerjahre bekannt. Das Brunke-Projekt bildete den roten Faden ihrer Gespräche. Brasch hatte sogar geplant, einen Teil des Manuskripts im Verlag des gebürtigen Tübingers als Groschenheftfolge herauszubringen. Eröffnet wird die Reihe am Sonntag im Restaurant „Cantamaggio“ mit einer Lesung von Anna Thalbach und einem Vortrag des Wiener Philosophen Andreas Hofbauer über die Zahl sieben. Die kommenden Veranstaltungen finden vor allem im „Club der polnischen Versager“ statt. Ausflüge an andere Orte sind geplant: Die Textfährten führen bis in Gefängnisse, Banken und Bordelle.
„Die Liebe und ihr Gegenteil“ wollte Thomas Brasch seine wundersame Textlandschaft ursprünglich nennen. Der Titel verrät seinen Anspruch: einen umfassenden Entwurf über das Leben und die Kunst vorzulegen. Ob der Veranstaltungsreihe eine Edition des Textes folgen wird, ist zweifelhaft. Rainer Weiss, Programmleiter des Suhrkamp Verlages und ehemaliger Lektor von Brasch, mutmaßt: „Dafür gibt es nur einen sehr eingeschränkten Leserkreis.“ Hartmut Fischer indes kann sich von der Loseblattsammlung bis zur CD-ROM viele Versionen vorstellen. Nur der Grundzug von Braschs Entwurf soll dabei gewahrt bleiben: „die Arbeit des öffentlichen Träumers“.
25. April, 19 Uhr: Cantamaggio, Alte Schönhauser Straße 4 . 4. Mai, 21 Uhr: Club der polnischen Versager, Torstraße 66.